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Was macht das Morgen rot ?

Die Installation „Was macht das Morgen rot?“ besteht aus ca. 1000 Zetteln, die an silbernen Drähten von der Decke des Ausstellungsraumes herabhängen; darunter befindet sich eine alte Kinderbadewanne auf einem Hocker. Diese Installation ist eine Fortsetzung ihrer Arbeit „Fermate" und wie bei der „Gefrorenen Kindheit“ hat Katharina Gun Oehlert wieder gefundene Dinge als Ausgangsmaterial für ihre neue Installation genutzt. Auf dem alten Hocker ist eine leere, vom langen Benutzen gezeichnete Kinderbadewanne aufgestellt. War in der „Fermate“ ein Feld aus Federn die Grundlage der Installation, so wird die Grundfläche der neuen Installation durch eine Schicht von weißen Kieseln beschrieben.

Die Steine setzt Oehlert sinnbildlich für die Gehirnwindungen ein, die von der Geburt bis in die Jugend die prägenden Eindrücke für ein Leben mitnehmen. Die Kinderbadewanne ist mit der Pflege eines Babys verbunden, das direkt nach seiner Geburt das erste Mal gebadet wird. Der Vorgang des Badens ist dem Zustand im Mutterleib nicht unähnlich, weshalb Babys sich in den meisten Fällen auch gerne baden lassen. Für die Künstlerin hat die Wanne eine beschützende, atmosphärische Qualität, schließlich wird jedes Kind gebadet.

Über der leeren Wanne sind, wie ein schützendes, imaginäres Dach, die Zettel oder Briefe angebracht. Sie stammen von Kindern, denen Katharina Gun Oehlert drei Fragen stellte: „Was wünscht Du Dir für Dich und die Menschen?“, „Gibt es etwas, wovor Du Dich fürchtest?“ und „Bei wem oder wo fühlst Du Dich sicher?“. Die Künstlerin hat über ihren Fragebogen zuerst Zugang zu Kindern aus Schulklassen in Deutschland gefunden und über private Kontakte auch Schulklassen in Sibirien, Polen, Israel, Norwegen, England, USA, Brasilien, Guatemala, Chile, Südafrika, Kambodscha, Indien und Nepal befragt. Die Antworten geben Eindrücke in kindliche Seelenwelten.

Häufig wünschen sich die Kinder für sich und die Menschen Frieden. Daneben lesen sich andere Antworten erschreckend einsam: „Für die anderen nichts, mir alles!“
Differenziertere Antworten thematisieren das „Anders Sein“, dass sich die Kinder zu akzeptieren wünschten. Auf die zweite Frage antworteten die Kinder, sie fürchten sich vor Krieg, vor dem eigenen Vater oder der Mutter, vor Gott, den Lehrern, vor der Nacht, vor dem Tod und vor Krankheiten, und „das von mir nichts übrig bleibt". Sicherheit spüren die Kinder bei den Eltern oder nirgends.

Alle wurden anonym befragt, vermerkten aber Alter und Land auf dem Papier; die meisten Kinder haben ihren Vornamen dazu geschrieben, nur wenige haben ihn weggelassen. Die Originale befinden sich im Archiv der Künstlerin, die sie für die einheitliche Wirkung des Kunstwerkes kopiert und für die Installation auf ein gleiches Maß gebracht hat.

Die Antworten geben eine Perspektive wieder, die Kinder in ihrer Situation in einem nahen oder fernen Zipfel der Welt haben. Mit ihren Fragen an die Kinder erforscht Katharina Gun Oehlert, was den Menschen liebes- und gefühlsfähig macht, um ein, den Anderen im Anders-Sein respektierender, die Schöpfung achtender Mensch zu werden. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf die Zukunft, das Morgen soll doch für uns und die Kinder rot, lebendig, lebenswert und lebensfähig werden.

Hat die Künstlerin bisher Menschen eingeladen, sich ihr im Atelier für die Abformung des eigenen Körpers zur Verfügung zu stellen, so zeigt Katharina Gun Oehlert in dieser Installation einen neuen Ansatz. Ihre Fragebögen erreichen die Menschen bei sich und erlauben eine Reflexion unter den eigenen Bedingungen. Im Prinzip ähnelt die Arbeitsweise damit einem therapeutischen Ansatz, der hilft, das Selbstbild zu klären. Schließlich aber fragt sie auch soziologisch, was macht den Morgen möglich, was macht der Mensch mit seiner Umwelt? Statt einer Befragung älterer Menschen nach dem, was ihnen genützt oder geschadet habe, hat Katharina Gun Oehlert mit ihrer Befragung von Kindern die Zukunft in ihre Arbeit einbezogen. Damit macht sie ihre Kunst in besonderer Weise zu einem Medium, in ihrer Kunst stiftet sie Bewusstsein. Das Bewusstsein ist das Hauptinteresse ihrer Arbeit. Wenn die Arbeiten das Bewusstsein der Betrachter/innen erreichen, ist das Ziel erreicht, Kunst parallel zum Menschen zu machen, mit Körper und Geist.

Colmar Schulte-Goltz, 2008